Staatskanzlei - Pressemitteilung Nr.: 189/2019

Magdeburg, den 16. April 2019

Verfassungsschutz - Innenminister stellt Bericht 2018 vor

Sachsen-Anhalts Minister für Inneres und Sport, Holger Stahlknecht, hat heute in Magdeburg den Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2018 vorgestellt. Dieser beinhaltet folgende Kernaussagen:

-   der Verfassungsschutz schaut mit Sorge auf die zunehmende Vermischung und Vernetzung von Extremisten und Nichtextremisten

-   der Verfassungsschutz hat erfolgreich zur Feststellung und Aufklärung von nach Deutschland eingereisten Jihadisten beigetragen

-   Sachsen-Anhalt bleibt ein sicheres Land

Innenminister Stahlknecht: „Unsere freiheitliche demokratische Grundordnung wird von Verfassungsfeinden aus unterschiedlichen Richtungen attackiert. So bestand das Teilnehmerfeld von Demonstrationen in Köthen nicht aus einer homogenen Gruppe, sondern setzte sich aus Rechtsextremisten aus dem Parteienspektrum und der Neonaziszene, Hooligans und Fußballfans unterschiedlicher Vereine sowie aus Bürgern ohne subkulturellen oder extremistischen Hintergrund zusammen. Dieses zu erkennen und entsprechend darauf sicherheitsbehördlich zu reagieren, stellte eine besondere Herausforderung dar, der nicht zuletzt durch die Frühwarnfunktion des Landesverfassungsschutzes adäquat begegnet wurde.“

Zu den Phänomenbereichen im Einzelnen:

Rechtsextremismus

Strukturen des traditionellen Rechtsextremismus der 1990er und 2000er Jahre sind nach wie vor in Sachsen-Anhalt aktiv, der Rechtsextremismus sieht sich jedoch weiterhin Anpassungsprozessen ausgesetzt. Die Szene befindet sich in Bewegung, die Vereinzelung und Kleinteiligkeit in den Strukturen hat sich fortgesetzt und beschleunigt. Diese Fragmentierung einst homogener Personenzusammenschlüsse führt wiederum zu einer Vielfältigkeit der Strukturen und Aktivitäten von Rechtsextremisten. Dabei wird die Entwicklung wesentlich von der Digitalisierung und internetbasierter Kommunikation beeinflusst. So ist vermehrt ein fließender Übergang der rechtsextremistischen Aktivitäten zwischen virtueller Welt und Realwelt zu finden.

Vor diesem Hintergrund stellten die Ereignisse in Köthen eine besondere Herausforderung für die Sicherheitsbehörden – und damit auch für den Verfassungsschutz – dar. Es waren Demonstrationen und Versammlungen zu verzeichnen, bei denen es ebenfalls zu einer Vermischung von Demonstranten aus dem nichtextremistischen Bereich mit Rechtsextremisten unterschiedlichster Prägung kam. Dabei war beachtlich, dass zwar viele Szeneangehörige aus Sachsen-Anhalt an den Demonstrationen teilnahmen, die für den Ablauf verantwortlichen Protagonisten jedoch aus anderen Bundesländern kamen. Dieser „Import von Rechtsextremisten“ nach Sachsen-Anhalt lässt vermuten, dass die Kader der hiesigen Szene nicht zu den bundesweiten Führungskräften zählen.

Linksextremismus

Die Herbsttagung der Innenministerkonferenz (IMK) im November 2018 in Magdeburg stellte einen Schwerpunkt des Protestes und der Aktivitäten der linksextremistischen Szene dar. Insbesondere für die gewaltbereiten Akteure dieser Szene gelten die Innenminister und -senatoren als Repräsentanten des „repressiven“ kapitalistischen Systems, die folglich zu bekämpfen sind. Ein Ereignis wie die IMK bietet daher ein hohes Mobilisierungspotenzial, sowohl innerhalb verschiedener extremistischer Spektren als auch bei Nichtextremisten. So waren sowohl linksextremistische Zusammenschlüsse als auch nichtextremistische Gruppierungen und Personen im so genannten „Unheimlich sicher“-Bündnis vertreten, welches zu den Aktionen gegen die IMK aufgerufen hatte.

Das Personenpotenzial im Land wird auf 530 geschätzt, wobei der gewaltbereiten, insbesondere autonomen Szene etwa 270 Personen zugerechnet werden.

Reichsbürgerszene

Seit Ende 2016 beobachtet der Verfassungsschutz die Reichsbürgerszene und konnte mit der Unterstützung der Landesbehörden ein aussagekräftiges Bild entwerfen.

Die Szene ist organisatorisch und ideologisch sehr heterogen. In Sachsen-Anhalt sind vor allem Einzelpersonen aktiv, etwa 30 Prozent der hiesigen „Reichsbürger und Selbstverwalter“ schlossen sich Organisationen wie etwa der „Samtgemeinde Alte Mark“, dem „Königreich Deutschland“ oder dem „Freistaat Preußen“ an. Dieses Organisieren in ziel- und zweckgerichtet handelnden Personenzusammenschlüssen erhöht die Handlungsfähigkeit der Szene.

Von den etwa 500 Szeneangehörigen können etwa zehn Prozent dem rechtsextremistischen Spektrum zugerechnet werden.

Islamismus

Die im Land festgestellten Bezüge zum Jihadismus standen zumeist im Kontext der Entwicklungen in den so genannten Jihad-Gebieten. Der Verfassungsschutz und andere Sicherheitsbehörden bearbeiten viele Hinweise auf (vermeintliche) Jihadisten, denen oftmals vorgeworfen wird, islamistischen Gruppierungen im syrischen Bürgerkrieg angehört zu haben. In einigen Fällen konnten bestätigende Erkenntnisse gewonnen werden. So erließ das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz aufgrund der hier gewonnen Erkenntnisse zu den beiden Gruppierungen „Liwa Mu’ta“ und „Liwa Owais al Qorani“ bundesweit Strafverfolgungsermächtigungen zu beiden Gruppierungen mit der Folge von bundesweiten Strafverfolgungsmaßnahmen gegen einen Personenkreis im mittleren zweistelligen Bereich.

Ausländerextremismus

Wie auch in den Vorjahren verfügt lediglich die „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) über nennenswerte Strukturen in Sachsen-Anhalt.

Für die Aktivitäten der PKK-Anhänger war insbesondere die türkische Militäroffensive im kurdisch verwalteten Kanton Afrin in Nordsyrien von Bedeutung. Der daraus resultierende Protest zeigte eindrucksvoll wie aktuelle Geschehnisse geeignet sind, die Anhängerschaft zu mobilisieren. In Sachsen-Anhalt war es vor allem das Eindringen in die Landesgeschäftsstelle der SPD in Magdeburg im April, die den Protest symbolisierte. Im Zuge dieses Protests beobachtete der Verfassungsschutz ein verstärktes gemeinsames Agieren von PKK-Anhängern und Angehörigen der linksextremistischen Szene. Diese Zusammenarbeit hält weiter an und fand auch im Rahmen der Proteste gegen die IMK statt.

Wirtschaftsschutz / Spionageabwehr / Cyberabwehr

Zwar war die weit überwiegende Zahl der Angriffe auf Unternehmens-, Wissenschafts- und Behördennetzwerke sowie auf Privatpersonen in Sachsen-Anhalt kriminell motiviert, der Verfassungsschutz verzeichnet indes ein gestiegenes Hinweisaufkommen im Bereich der Cyberangriffe. So setzte sich zum Beispiel im letzten Jahr eine Angriffskampagne fort, die 2016 von einem Institut der iranischen Revolutionsgarden ausgegangen war. Die Kampagne richtete sich gegen 320 Universitäten und Hochschulen – darunter 23 in Deutschland. Der Verfassungsschutz steht mit betroffenen Unternehmen und Einrichtungen in ständigem Kontakt und sensibilisiert in Bezug auf die von fremden Nachrichtendiensten ausgehenden Gefahren.

Übersicht über das Personenpotenzial


2016

2017

2018

Rechtsextremisten



 

Parteigebundener Rechtsextremismus (Parteien)

265

265

265

Parteiungebundener Rechtsextremismus

410

350

340

Weitgehend unstrukturierter, meist subkulturell geprägter Rechtsextremismus

800

760

740

Summe:

1.475

1.375

1.345

Gesamt (nach Abzug der Mehrfachmitgliedschaften)

1.400

1.300

1.300


 

 

Linksextremisten



 

Gewaltbereite Linksextremisten,
insbesondere Autonome

230

230

270

Parteien und sonstige Gruppierungen,
unter anderem die „Rote Hilfe“

260

260

260

Gesamt:

490

490

530

 

 

 

Islamisten

150

200

300

 

 

 

Reichsbürger und Selbstverwalter

(inkl. Rechtsextremisten innerhalb dieser Szene)

330

450

500

 

 

 

 

 

 

PKK (Arbeiterpartei Kurdistans)

250

250

250

 

 

 

 

GESAMTZAHL aller Extremisten in Sachsen-Anhalt (nach Abzug von Mehrfachmitgliedschaften)

2.590

2.655

2.880

 

(Die Zahlen sind zum Teil geschätzt und gerundet.)

 

 

Der komplette Verfassungsschutzbericht 2018, sowie die Berichte der Vorjahre, sind ab sofort im Internet abrufbar und können herunter geladen werden:

 

https://mi.sachsen-anhalt.de/verfassungsschutz/verfassungsschutzberichte-zum-downloaden/





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